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Kulturwissenschaften - Diesseits und Jenseits

 

In diesem Teil von „Einblicke in die Kulturwissenschaften“ werden die zwei Begriffspaare Diesseits und Jenseits näher beleuchtet und erklärt.

Der Tod als das „Endschicksal“ (eschaton) der menschlichen Existenz und als unverrückbare Grenze des Handelns bestimmt auch „die Grenze zwischen der Zeit der Welt und jenem Jenseits der Weltzeit“, so der Politikwissenschaftler Uwe Jochum in seinem 2003 veröffentlichten Essay zur Kritik der Neuen Medien. Diese Grenze von welcher Jochum spricht kann auch als Grenze zwischen Immanenz (die Welt in der wir leben) und Transzendenz (die von uns erschaffene Welt nach dem Tod) verstanden werden. Das Nachdenken über das Jenseits, „Was kommt nach dem Leben?“, beschäftigt die Menschen schon seit je her. In den Anfängen der Menschheitsgeschichte rankten sich zahllose Mythen und Kulten um das Lebensende. Ab der Antike bestimmte das Diesseits und Jenseits Grundfragen der Philosophie und der Religion und wurde in der Moderne letztlich auch zur Grundfrage in der Gedächtnisforschung und der Psychologie.

Die Auseinandersetzungen mit diesen Fragen und ihren Erkenntnissen sind Kulturwissenschaftlich relevant, denn „wie“ eine Gesellschaft die Dimensionen von Diesseits und Jenseits annimmt, so wird sie kulturell auch geprägt.
Der Werdegang des kultivierten Menschen begann mit dem Grab: „Mit dem ersten Grab waren ein erstes Werk, ein Artefakt und ein Symbol geschaffen. Das Abenteuer des sich kultivierenden, zivilisierenden Menschen begann“, so Michael Fischer. Das Grab wurde zu einem Erinnerungsort, der es ermöglichte den Menschen, welche sich im Jenseits aufhielten zu gedenken. Bildlich gesprochen wurde das Leben der Menschen bis über den Tod hinaus verlängert und mit dem Grab im Diesseits war ein Tor zum Jenseits erschaffen. Fischer: „Mit dem Grab war ein kommunikatives Symbol gesetzt für den beunruhigenden Dialog des Menschen zwischen dem Nichts und der Ewigkeit“.

Entwicklung der Jenseits-Vorstellung

Mosche ben Maimon sprach im 12. Jahrhundert davon, dass der Mensch ein Fall des biblischen Sündenfalles sei. Der „Apfel“ vom „Baum der Erkenntnis“ ließ die Menschen erkennen das sie nackt seien. Nacktsein, das ist eine Metapher dafür, dass die Menschen aus der Unmittelbarkeit des Daseins hinausgefallen sind, dass sie die Welt als obiectus wahrnehmen, als unheimlich und gefährlich. Maimon: „Als er (der Mensch, Anm.) aber Ungehorsam war und zu den Gelüsten seiner Phantasie und zu den sinnlichen Genüssen hinneigte wurde er damit bestraft, dass ihm die Vernunfterkenntnis entzogen wurde und so erlangte er die Fähigkeit die Wertdinge zu begreifen und so ergab er sich der Ausübung der hässlichen oder schönen Handlungen“.  

Was Maimon zu beschreiben versucht ist der Mensch, dem nicht bewusst ist das er in der unmittelbaren Schöpfung des Diesseits gefangen ist. Der Mensch überlebt, ohne sich darüber Gedanken zu machen „wie“. Die Menschen waren „Hominiden“ (Primaten). Durch das bewusstwerden ihrer „Nacktheit“ entwickelten sie sich zu „Homines“ (Menschen). Sie wurden sich ihrer gesellschaftlichen Bedingtheit und Vergänglichkeit bewusst. Als eine Folge daraus, wurde das Jenseits als Gegenentwurf in das Denken und Handeln des Diesseits integriert. Dies wiederum ermöglichte es Wertunterschiede zu bilden (wie: „das Gute, das Böse ausschließt, es schön und hässlich gibt (… Und) das Leben bis zum Tod führt“).

Jedoch herrschte gerade in der Antike ein Jenseitsnihilismus, das heißt: „Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir leben, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr“, so der griechische Philosoph Epikur. Im Mittelalter wurden die Jenseitsvorstellungen von der Religion bedient, welche ihr Angebot in direkten Zusammenhang mit dem diesseitigen Verhalten setzten. „Religion liefert Schablonen und Erklärungen“, meint hierzu der österreichische Kulturwissenschaftler Reinhard Kacianka. Heute in der Moderne befasst sich die Psychologie und die Gedächtnisforschung mit der Thematik des Diesseits/Jenseits. Die Gedächtnistheorie umfasst die Trias von Vergessen, Erinnern und Gedächtnis. Der deutschen Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann folgend steht: „’Erinnern’ in der Regel für die Tätigkeit des Zurückblickens auf vergangene Ereignisse, ‚Gedächtnis’ hingegen für die Voraussetzung dieser Tätigkeit, verankert im biologischen Organ des Gehirns und dem neuronalen Netzwerk“. Das Gedächtnis ist: „Produkt und Sammelbegriff für Erinnerungen, die in dieser Weise zusammengefasst und objektiviert werden“.

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